Oct 23 ,08
Dampfermotiv « reflect

Formale Auswirkungen Teil3

 
Die Architektur musste die utopischen Ziele einer neuen gesellschaftlichen Ordnung bildhaft vermitteln und das Dampfermotiv war eine Manifestation der Überlegenheit der Maschine.[52] Es hatte das Charisma modern und progressiv zu sein. Zudem war es das Motiv der Bewegung, Symbol für den prozessualen Charakter.

Hilfreich für die Umsetzung waren typologische Grundmuster, die übernommen werden konnten, wie die Reihung der Einzelzellen am Gang, Promenade als Straße (Laubengang), ein Zwischengeschoß für die Gemeinschaftseinrichtungen, Sonnendecks (Dachgarten) mit Tennis, Schwimmbad und Unterhaltung.

Die gebauten Beispiele sind geprägt von einer Maschinenästhetik mit symbolhafter Architektursprache und konzipiert als Wohnmaschine. Geschwungene Formen, Stahlrohrgeländer zur Reling, überdimensionale Schornsteine am Dach und auch Bullaugen waren eher ornamentale Formalismen als baupraktische Notwendigkeiten. Es ging aber nicht um Imitation, sondern um formale Bezüge.

Hans Scharoun und Le Corbusier sahen das Schiffsthema auch im städtebaulichen Kontext. So wollte Scharoun die “schwimmenden Stadt” Wirklichkeit werden lassen, indem die Stadtmauern die Schiffswand darstellten[53]. Corbusier entwickelte eine städtebauliche Lösung mit Gemeinschaftsservices, Verkehrslösungen und er sah industrielle Fertigungsmethoden vor.

Corbusier schreibt in “La Ville radieuse” 1935, : …die Schiffe haben eine Breite zwischen 22 und 27m. Die Häuser der “strahlenden Stadt” ebenfalls. Über die gesamte Stadt, über einem Meer von Bäumen (…)[54].”

Im Endeffekt scheiterte die Architektur daran die Utopie nicht verständlich gemacht zu haben, oder erfüllte nicht die Bedürfnisse der damaligen Gegenwart. Die Architekten glaubten bestimmen zu können, was richtig für die Menschen war. Negiert wurde auch im Zusammenhang mit der Schiffsmetapher, dass keine klassenlose Gesellschaft, sondern genaue Klassenhierarchie auf einem Ozeandampfer bestand und das Menschen für das Service verantwortlich waren und nicht Maschinen. Die Sozialutopie war gescheitert, wiewohl die Architektur eine neue Formensprache etablierte. Nicht mehr Portikus und Säule waren Grundlage der Architektursprache, sondern technische Rationaliät und objektive Funktionalität.

Wie die Prophezeiung von Marx besagt, wiederholen sich alle weltpolitischen Ereignisse und Personen, einmal als Tragödie, beim zweiten Mal als Farce. In den sechziger Jahren wurde das Dampfermotiv wieder überprüft und man wollte den sozialen Anspruch, die Utopie des neuen Bauens, weiterverfolgen. Zudem wollte man wieder zu einer Bedeutungssprache zurückzufinden, was jedoch nicht gelang. In den 80ern [051] wurde nochmals der Versuch gestartet die Metapher zu bemühen, allerdings ist die Exklusivität des damaligen Verkehrsmittels nicht mehr gegeben. Heute ist das Passagierschiff eine Randerscheinung der Touristikindustrie. Deswegen haben die geplanten Beispiele mit leeren Formhülsen, keinerlei tiefgreifenden Einfluß auf den Architekturdiskurs.

Literaturverzeichnis

52,55 Kähler, Gert, Eine „Architektur der Hoffnung“ ist untergegangen, in: Arcus 5. Architektur und Wissenschaft „Schiffe“, Köln 1989, S. 13

53 zitiert nach: P. Pfankuch (Hrsg.) Hans Scharoun, Bauten, Entwürfe, Texte. Berlin 1974, S.82

54 Le Corbusier: La ville radieuse. Paris 1964, Übersetzung d. Verf.

56 http://e-pub.uni-weimar.de/volltexte/2004/87/pdf/Teil%20I+II%20(S.%201-157).pdf

Abbildung

Kähler, Gert, Eine „Architektur der Hoffnung“ ist untergegangen, in: Arcus 5. Architektur und Wissenschaft „Schiffe“, Köln 1989, S. 12
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One Response to “Formale Auswirkungen Teil3”

  1. […] Neben der schiffsinternen Ordnung wollte man den Menschen die Metaphern begreifbar machen, indem formale Bezüge hergestellt wurden. Die Architekten erhofften sich damit ein gesellschaftliches Modell zu […]

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